Deutsche Gesellschaft für Management und Controlling in der Sozialwirtschaft e.V.
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Die DGCS-Controlling-Standards für die Sozialwirtschaft

Stefan Löwenhaupt, Vorstand DGCS e.V., Geschäftsführer und Gesellschafter XIT GmbH

Die Rahmenbedingungen für die Sozialwirtschaft haben sich in den vergangenen 20 Jahren tiefgreifend professionalisiert. Insbesondere beim strategischen und operativen Controlling haben sich die Methoden, Instrumente, Datengrundlagen und Effektivität deutlich weiterentwickelt, allerdings in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Diese Entwicklungsstände möchte die Deutsche Gesellschaft für Management und Controlling in der Sozialwirtschaft e. V. (DGCS) zusammenführen und hat – anlässlich ihres 20-jährigen Jubiläums – deswegen einheitliche Controlling-Standards entwickelt. Damit soll ein praxisnaher Bezugsrahmen geschaffen werden, der sich an die Bedürfnisse einzelner sozialwirtschaftlicher Organisationen anpassen lässt.

Anlässlich ihres 20-jährigen Jubiläums werden die DGCS-Controlling-Standards am 19. und 20. September 2019  in Berlin im Rahmen des DGCS-Jubiläumskongresses vorgestellt und in Workshops anhand aktueller Themen diskutiert (hier geht’s zum Programm).

Adressaten der DGCS-Controlling-Standards für die Sozialwirtschaft sind Geschäftsführungen, Vor­stände und Aufsichtsorgane in der Sozialwirtschaft, Controller, die öffentliche Hand, Kosten­­träger, Dienstleister (Beratungen und Wirtschaftsprüfer) sowie Stiftungen. Für diese sollen die DGCS-Controlling-Standards Inspiration, Leitlinie, Orientierungshilfe, Diskussions­grund­lage und Nachschlagewerk gleichermaßen sein.

 

Das DGCS-Modell

Grundsätzlich sind die DGCS-Controlling-Standards an die allgemeinen Grundlagen des Controllings nach DIN SPEC 1086:2008 angelehnt. Wer jedoch Controlling-Standards für Unternehmen der Sozialwirtschaft definieren will, muss eine wesentliche Voraussetzung berücksichtigen: Die Sozialwirtschaft weist einige grundlegende Spezifika auf, die sie von anderen Wirtschaftszweigen unterscheidet und deshalb besondere Anforderungen an das Controlling begründen. Diese Spezifika sind:

  • Die Mehrdimensionalität von Zielen/Erfolgsmaßen

In der Sozialwirtschaft existieren neben ökonomischen Zielen auch ideelle Ziele. Dieses Spannungsverhältnis muss ständig ausbalanciert werden.

  • Eine nicht-schlüssige Austauschbeziehung

In der Sozialwirtschaft stehen Kunden und Leistungserbringer in keinem direkten Austauschverhältnis. Für erbrachte Leistungen zahlen in der Regel Finanzierungsträger und nicht die Kunden.

  • Die Zugehörigkeit der Sozialwirtschaft zum Dritten Sektor

Unternehmen der Sozialwirtschaft erfüllen quasi-staatliche Aufgaben unter marktähnlichen Bedingungen. Die Finanzierung erfolgt jedoch hauptsächlich durch staatliche Mittel und unter einem engen stattlichen Kontrollregime.

  • Die Eigenschaften von Sozialdienstleistungen

Bei Sozialdienstleistungen existiert nur ein schwacher direkter Zusammenhang zwischen Input, Output und tatsächlicher Verbesserung beim Kunden. Trotzdem wird bislang vor allem über input- und output-Faktoren gesteuert. Die Wirkung sozialer Dienstleistungen gerät erst langsam in den Fokus.

  • Die Merkmale der Leistungserbringung

Die Leistungserbringungsprozesse der Sozialwirtschaft sind nicht nur auf wirtschaftliche Ziele ausgerichtet. Die damit verbundene Komplexität stellt eine besondere Herausforderung für die Prozessorganisation dar.

 

Die DGCS-Controlling-Standards erweitern die DIN SPEC 1086:2008 deshalb um zwei Ebenen: Auf der ersten Ebene wird dabei die Frage gestellt, was die allgemeinen Spezifika der Sozialwirtschaft für das Controlling bedeuten. Auf der zweiten Ebene werden daraufhin die Anforderungen an das Controlling für einzelne Geschäftsmodelle in den unterschiedlichen Geschäftsfeldern der Sozialwirtschaft beschrieben, und die Frage nach den Erfolgstreibern gestellt. Auf Basis dieser Überlegungen lässt sich die Logik der DGCS-Controlling-Standards in folgendem Schaubild darstellen:
Die Sozialwirtschaft ist in hohem Maße durch die rechtliche Ausgestaltung einzelner Angebots­bereiche auf Länder-, z. T. sogar auf regionaler oder lokaler Ebene, geprägt. Diese Besonder­heiten sind für die konkrete Ausgestaltung eines Controlling-Systems in einem sozial­wirt­schaft­lichen Unternehmen essentiell, können in ihrer Vielfalt aber nicht nachgezeichnet werden.

Viel­mehr soll die spezifische Ausgestaltung von Geschäftsmodellen und Geschäfts­feldern in einzelnen Bundesländern und Regionen auf Ebene 3 in regionalen Formaten auf der Grundlage der DGCS-Controlling-Standards bearbeitet werden. Hierzu können das Format DGCS-Unter­wegs sowie regionale DGCS-Arbeitsgruppen genutzt werden. Zudem können an dieser Stelle Beratungs­unternehmen aktiv eingebunden werden, um Instrumente oder Arbeits­materialien zu erarbeiten.

 

Die DGCS-Controlling-Standards

Die Sozialwirtschaft unterscheidet sich also in etlichen Punkten von der Erwerbswirtschaft. Aber was bedeutet das für das Controlling? Die DGCS hat hierfür ein Leitbild entworfen, aus dem wir vier Prinzipien abgeleitet haben, die für das Controlling in sozialwirtschaftlichen Organisationen konstitutiv sind.

  • Die Sozialwirtschaft hat unterschiedlichste Stakeholder-Interessen und deshalb auch mehr­dimensionale Zielsysteme, die systematisch und kontinuierlich ausbalanciert werden müssen. Controlling wird dementsprechend nicht als Prozess gesehen, der ausschließlich an einer betriebswirtschaftlichen Rationalität ausgerichtet ist.

 

  • Controlling verstehen wir nicht als Kontrolle, sondern vor allem als Steuerungsprozess der Ziel- und Soll-Werte formuliert.Controlling in diesem Sinne meint: Gestalten von Zukunft.

 

  • Controlling benötigt strukturelle Voraussetzungen im Unternehmen. Nur wo Controlling auf Unterstützung durch die Unternehmensleitung, klare Prozesse und Aufgaben trifft, kann es auch seine Wirkung entfalten.

 

  • Gutes Controlling benötigt darüber hinaus auch qualifizierte Controller, die sich ihrem Rollenverständnis nach als (Ansprech-)Partner für die Unternehmensleitung und die Leiter operativer Einheiten verstehen, sowie ein Verständnis der sozialwirtschaftlichen Geschäftsmodelle haben.

 

Auf Basis der DIN SPEC 1086:2008, des Leitbilds und der daraus abgeleiteten Prinzipien hat die DGCS 14 konkrete Controlling-Standards formuliert. Diese erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, decken aber zunächst alle relevanten Aspekte des Controllings in sozialwirtschaftlichen Unternehmen ab.

Die Relevanz eines Standards kann sich nach Arbeitsfeldern unterscheiden, ebenso kann der Grad der Professionalisierung und die Intensität, in der diese Standards in einzelnen Unternehmen zum Tragen kommen, differieren. Grundsätzlich gilt jedoch: Gänzlich verzichten kann man auf keinen dieser Standards! Begründungspflichtig ist also – im Prinzip – nicht die Anwendung eines DGCS-Controlling-Standards, sondern dessen Abwesenheit. Diese Standards sind:

  1. Strategische Steuerung
  2. Risikomanagement
  3. Wirtschaftsplanung und Budgetierung
  4. Zielgruppensensibles Reporting
  5. Operative Steuerung der Geschäftsfelder im Sinne einer ex-ante Steuerung der einzusetzenden Ressourcen
  6. Laufende Planungsunterstützung
  7. Kalkulation
  8. Informationstechnische Systeme (IT)
  9. Personalcontrolling
  10. Wirkungscontrolling
  11. Benchmarking
  12. Verantwortung und Kultur guter Unternehmensführung
  13. Strukturen und Führung
  14. Liquiditätsmanagement

 

Jeder dieser Controlling-Standards wird in drei Abschnitten bearbeitet:

  • Der einleitende Abschnitt liefert zunächst eine Begriffsdefinition für einen spezifischen Standard, z. B. die Wirtschaftsplanung oder die Erfolgs- bzw. Wirkungsmessung.
  • Anschließend werden für diesen spezifischen Standard in einem zweiten AbschnittBesondere Aspekte der Sozialwirtschaft“ herausgearbeitet, die z. B. speziell bei der Wirtschaftsplanung oder bei der Wirkungsmessung für soziale Organisationen zu berücksichtigen sind.
  • In einem dritten Abschnitt werden dann die für diesen DGCS-Controlling-Standards relevanten Anforderungen an Inhalte und Instrumente

 

Der Begriff „DGCS-Controlling-Standard“ wird hier so verwendet, dass der Einsatz oder die Anwendung der dargestellten Methoden, Verfahren, Konzepte und Ansätze an sich einen Standard darstellt. Good Practice im Controlling sowie der Unternehmensführung eines sozialwirtschaftlichen Unternehmens bedeutet also, dass z. B. das Controlling, strategische Planungs-/Steuerungsprozesse und das Risikomanagement eng miteinander ver­knüpft sind, gesetzliche und verbandseigene Kodizes (z. B. CGK) guter Unternehmensführung sowie Benchmarks bei der Entwicklung von Soll-/Zielwerten oder bei Kalkulationen berück­sichtigt und neben betriebs- und personalwirtschaftlichen Daten auch Leistungs- und Wirkungs­daten in die Wirtschaftsplanung/Budgetierung eingebunden werden.

 

Beispiel Wirkungscontrolling: Das bedeuten die DGCS-Standards konkret

Was bedeuten diese Standards nun konkret? Die Antwort auf diese Frage lässt sich anhand des Wirkungscontrollings veranschaulichen. Die Frage, ob und welche Konzepte und Angebote für die Zielgruppe einen besonders hohen Nutzen stiften, ist bei der Vergabe öffentlicher oder privater Mittel von zentraler Bedeutung. Schließlich könnte das Geld auch für andere Belange und nicht für soziale Aufgaben eingesetzt werden. Soziale Organisationen und die öffentliche Hand benötigen deshalb Instrumente, mit deren Hilfe sie ihre fachliche Wirksamkeit kontinuierlich beobachten und steuern – also controllen – können.

Dabei sind soziale Dienstleistungen mit einigen Besonderheiten verbunden, die beim Wirkungscontrolling beachtet werden müssen. Zum einen ist oft unklar, was genau den Erfolg sozialer Dienstleitungen ausmacht: Während die Rentenversicherung die Wirkung einer Reha-Maßnahme beispielsweise an der Integrationsquote festmacht, stehen für den Leistungsempfänger subjektive Begleiterscheinungen im Mittelpunkt. Des Weiteren ist oft nicht nachvollziehbar, ob nun eine konkrete Maßnahme eine Verbesserung beim Klienten hervorgebracht hat, oder ein persönlicher Reifeprozess. Auch gibt es bei vielen sozialen Dienstleistungen noch kaum belastbare Verfahren, Instrumente und Methoden, um Erfolg und Misserfolg empirisch präzise zu messen oder Prognosen über wahr­scheinliche Hilfeverläufe zu erstellen.

Obwohl die Frage nach der Wirksamkeit mittlerweile in Sozialgesetzen und Förderrichtlinien verankert ist, ist deren praktische Relevanz nach wie vor unterschiedlich stark ausgeprägt: Während in der Altenpflege die Prüfung der fachlichen Wirkungen der Arbeit fest verankert ist, befindet sich die Behindertenhilfe noch in Suchbewegungen nach geeigneten Kennzahlen zur Wirkungsmessung. Genau hier setzen die DGCS-Controlling-Standards als einheitlicher Rahmen an.

Beim Wirkungscontrolling rückt dabei die Frage nach den nicht-monetären Wirkungen in den Vordergrund und wird mit den Informationen des klassischen Controllings verknüpft. Wirkungscontrolling zielt somit darauf ab, die mit den verfügbaren Ressourcen hergestellten nicht-monetären Wirkungen einer sozialen Organisation zu erfassen und genau die­jenige Wirkungsmenge zu ermitteln, die ohne die soziale Einrichtung nicht entstanden wäre. Genau dieser Teil der Wirkung ist über das Controlling steuer- und überprüfbar.

Für die DGCS-Mindeststandards für das Wirkungscontrolling bedeutet das, dass sich die Mehrdimensionalität der Wirkungen sozialer Dienstleistungen in den methodischen Ansätzen widerspiegeln muss. Es müssen also monetäre wie nicht-monetäre Wirkungen berücksichtigt werden. Weiterhin sollte zielgruppensensibles Reporting die Erwartungshaltung der unterschiedlichen Stakeholder widerspiegeln. Das Controlling-Modell sollte sowohl tatsächliche Wirkungen (Teilhabe, Lebensqualität) als auch Erwartungswerte erfassen, und sichtbar machen, mit welchen Inputs welche fachlichen Wirkungen produziert werden.

Die Daten hierfür werden bestenfalls über die Standardprozesse erhoben und werden durch IT-Systeme unterstützt und sollten anschlussfähig zu gesetzlichen Anforderungen sein. Messinstrumente hierfür können der Social Return on Investment (SROI) oder die Personal Outcome Scale (POS) für Maßnahmen ohne definiertes Hilfeende, sowie Integrationsquoten oder Kompetenzzuwachs, etwa bei Reha- oder Qualifizierungsmaßnahmen, sein.


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